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G20 in Asheville: Beginnt eine neue geopolitische Ordnung?

Was auf dem G20-Finanztreffen in Asheville auf den ersten Blick wie ein weiterer Termin der internationalen Finanzdiplomatie wirkt, könnte bei genauerer Betrachtung für größere geopolitische Verschiebungen stehen. Im Mittelpunkt stehen nicht nur Sanktionen gegen Iran, der Umgang mit Russland oder die Finanzpolitik der USA. Es geht um die Frage, ob sich die internationalen Machtstrukturen verändern – und ob Washington unter Donald Trump versucht, wirtschaftliche und geopolitische Abhängigkeiten neu zu ordnen.




Der Kampf findet nicht nur auf dem Schlachtfeld statt

Besonders aufmerksam macht im vorliegenden Beitrag die Aussage von US-Finanzminister Scott Bessent, wonach die USA Vermögenswerte des iranischen Revolutionsgarden (IRGC) aufspüren und dabei auch Offshore-Strukturen ins Visier nehmen. Genannt werden unter anderem die Britischen Jungferninseln und Hongkong sowie dortige Trust- und Unternehmensstrukturen. Nach Darstellung der Autorin Susan Kokinda hat das US-Finanzministerium dabei 60 Unternehmen beziehungsweise Finanzakteure ins Visier genommen und unter Druck gesetzt, ihre Aktivitäten zu bereinigen oder mit dem Ausschluss vom internationalen Finanzsystem zu rechnen.


Kokinda interpretiert diese Maßnahmen als Angriff auf ein wesentlich größeres Finanznetzwerk. Ihre These lautet, dass Offshore-Finanzplätze, internationale Kapitalströme und geopolitische Einflusszonen über Jahrzehnte miteinander verbunden worden seien. Besonders die britischen Überseegebiete spielen in ihrer Analyse eine zentrale Rolle. Dabei geht sie deutlich über die belegten Aussagen Bessents hinaus und ordnet die Vorgänge als grundsätzlichen Kampf gegen ein von Großbritannien geprägtes „imperiales“ Finanzsystem ein. Diese Interpretation ist als Position der Autorin zu verstehen – sie ist nicht automatisch eine feststehende Tatsache.


Interessant ist jedoch der größere wirtschaftspolitische Zusammenhang. Wenn die USA tatsächlich versuchen, bestimmte Finanzströme, Offshore-Strukturen und strategische Abhängigkeiten neu zu ordnen, geht es um weit mehr als um einzelne Sanktionen gegen Iran. Es geht um die Frage, wer die internationalen Finanzströme kontrolliert und welche Staaten über die entscheidenden wirtschaftlichen Hebel verfügen.


Ein neuer Naher Osten?

Auch im Nahen Osten erkennt Kokinda Anzeichen einer Neuordnung. Sie verweist auf die Aufhebung von US-Sanktionen gegen Syrien, die engere sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan sowie auf Trumps „Board of Peace“. Nach ihrer Darstellung entsteht damit eine neue regionale Architektur, in der Staaten zunehmend eigene Sicherheitsinteressen verfolgen und nicht mehr ausschließlich innerhalb der bisherigen US-geführten Strukturen agieren.


Besonders bemerkenswert ist dabei die von Bessent angesprochene Möglichkeit einer Zusammenarbeit zwischen Washington und Peking beim Thema Iran. Nach seinen Aussagen gibt es zwischen den USA und China gemeinsame Interessen: Iran soll keine Atomwaffe besitzen und die freie Schifffahrt durch die Straße von Hormus soll gewährleistet bleiben. Gleichzeitig spricht Bessent von privaten Gesprächen mit chinesischen Vertretern über diese Ziele.


Sollte sich daraus tatsächlich eine pragmatischere Zusammenarbeit zwischen Washington und Peking entwickeln, wäre dies geopolitisch wesentlich interessanter als viele der üblichen öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen beiden Großmächten. Denn internationale Politik besteht nicht nur aus Konfrontation. Staaten können gleichzeitig strategische Rivalen sein und in einzelnen Fragen gemeinsame Interessen verfolgen.


Russland sitzt wieder am Tisch

Besonders deutlich wurde diese neue Dynamik offenbar beim G20-Finanztreffen in Asheville. Der russische Finanzminister Anton Siluanow nahm laut Ausgangsmaterial erstmals seit Beginn des Ukraine-Krieges wieder persönlich an einem solchen Treffen teil – auf Einladung des Gastgeberlandes USA. Der deutsche Finanzminister Lars Klingbeil distanzierte sich davon und erklärte, er wolle nicht gemeinsam mit seinem russischen Amtskollegen für das offizielle Gruppenfoto posieren.


Noch wichtiger als das Foto war jedoch, was hinter den Kulissen geschah: Bessent traf Siluanow zu einem persönlichen Gespräch. Damit entstand ein bemerkenswerter Kontrast zwischen der europäischen Haltung gegenüber Moskau und dem amerikanischen Ansatz. Während Teile Europas weiterhin auf politische Isolation setzen, scheint Washington zumindest Gesprächskanäle wieder öffnen zu wollen.


Das muss nicht bedeuten, dass die USA ihre grundlegenden Differenzen mit Russland aufgegeben haben. Diplomatie bedeutet gerade nicht, dass man sich einig ist. Sie bedeutet, miteinander zu reden, obwohl man sich nicht einig ist.


Und genau darin könnte die größere Bedeutung des Treffens liegen. Die internationale Ordnung verändert sich möglicherweise weniger durch spektakuläre Gipfelerklärungen als durch die Wiederaufnahme von Kontakten, die in den vergangenen Jahren abgebrochen wurden.


Der vorliegende Beitrag interpretiert diese Entwicklungen als Beginn einer umfassenden Abkehr von einem alten geopolitischen System, das über Finanzzentren, Energieengpässe und Stellvertreterkonflikte funktioniert habe. Diese weitreichende Interpretation ist nicht durch alle im Material genannten Fakten belegt. Sie liefert jedoch einen interessanten Ansatz für eine weiterführende Frage: Verändert sich derzeit tatsächlich die Architektur internationaler Macht – und wenn ja, wer bestimmt künftig die Regeln?


Die Antwort darauf wird nicht allein in Washington, Moskau, Peking oder Brüssel gegeben. Sie wird auch an den Finanzmärkten, bei Energieversorgung, Rohstoffen, internationalen Zahlungsströmen und Handelsbeziehungen entschieden.


Vielleicht ist deshalb das wichtigste Signal aus Asheville nicht das offizielle Gruppenfoto. Es ist die Tatsache, wer wieder mit wem an einem Tisch sitzt.


TTV Nachrichten – HINTERFRAGEN. EINORDNEN. VERSTEHEN.


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