Iran am Kipppunkt: Zwischen wirtschaftlicher Verzweiflung, Machtapparat und externer Einflussnahme
- Thomas Tratnik

- vor 4 Tagen
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Der Iran erlebt erneut eine Phase massiver innerer Spannungen – doch die offizielle Lesart aus Teheran folgt einem bekannten Drehbuch: Der oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei macht die Vereinigten Staaten für die eskalierenden Proteste verantwortlich und spricht von „Vandalen“ und „Saboteuren“, die im Auftrag ausländischer Mächte handeln. Es ist eine Rhetorik, die weniger zur Deeskalation beiträgt als vielmehr die Fronten verhärtet und jede Form legitimen Protests pauschal delegitimiert.

Unbestritten ist: Die wirtschaftliche Lage im Land ist dramatisch. Inflation, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit treiben breite Bevölkerungsschichten auf die Straße. Doch statt strukturelle Ursachen zu adressieren, setzt die Führung auf Abschottung, Repression und Schuldzuweisungen nach außen. Die zeitweise nahezu vollständige Abschaltung des Internets ist dabei kein Sicherheitsinstrument, sondern ein klares Signal: Kontrolle geht vor Transparenz.
Gleichzeitig wäre es naiv, den geopolitischen Kontext auszublenden. Westliche Akteure, Exilnetzwerke, NGOs und Nachrichtendienste nutzen Informationsvakuums seit Jahren strategisch aus – oft mit moralischem Gestus, aber begrenztem Verständnis für die innere Dynamik des Landes. Wenn internationale Medien, fernab verifizierbarer Faktenlage, Narrative reproduzieren, entsteht kein Journalismus, sondern ein Resonanzraum für Interessenpolitik.
Besonders brisant wird die Lage dort, wo wirtschaftliche Proteste in offene Gewalt umschlagen. Tote Sicherheitskräfte, bewaffnete Auseinandersetzungen und gezielte Angriffe zeigen: Der Konflikt ist längst nicht mehr eindimensional. Wer hier ausschließlich von „friedlichen Demonstrationen“ spricht, greift zu kurz – ebenso wie jene, die jede Form von Widerstand pauschal als ausländische Verschwörung brandmarken.
Der Iran steht damit zwischen zwei toxischen Polen: einem autoritären Machtapparat, der Reformunfähigkeit mit Repression verwechselt, und externen Akteuren, die Unruhe als strategische Chance betrachten. Die Leidtragenden sind die Menschen im Land – gefangen zwischen wirtschaftlichem Niedergang, politischer Erstarrung und einer globalen Öffentlichkeit, die einfache Schuldzuweisungen komplexen Realitäten vorzieht.
Die entscheidende Frage bleibt offen: Entwickelt sich diese Krise zu einem weiteren Stellvertreterkonflikt im geopolitischen Schachspiel – oder gelingt es der iranischen Gesellschaft, einen eigenen Weg zwischen Selbstbestimmung und äußerem Druck zu behaupten? Sicher ist nur eines: Wer die Situation im Iran verstehen will, muss Propaganda von Analyse trennen – auf allen Seiten.









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