Europas gefährliche Illusion der Macht
- Thomas Tratnik

- vor 5 Stunden
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Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat Emmanuel Macron Europa aufgefordert, geopolitisch zur Macht zu werden. Man müsse die Ukraine schützen, Russland weiter entgegentreten und sich strategisch eigenständiger aufstellen. Es war eine Rede voller Entschlossenheit – und voller Ambition.
Doch Ambition ersetzt keine Realität.

Europa ist keine Militärunion, sondern ein fragiles politisches Gebilde, das wirtschaftlich unter Druck steht und gesellschaftlich zunehmend polarisiert ist. Wer nun von „Macht“ spricht, spricht nicht nur von Sicherheit. Er spricht von Aufrüstung, von dauerhafter Konfrontation, von struktureller Verschiebung politischer Prioritäten. Er spricht von einem Europa, das sich neu definiert – nicht mehr als Friedens- und Wirtschaftsprojekt, sondern als geopolitischer Akteur im Dauerwettbewerb.
Macron fordert Stärke gegenüber Russland. Doch Stärke ohne klar definiertes Ziel wird schnell zur Selbstbeschäftigung. Wenn Europa Russland „weiter entgegentreten“ soll, wie lange soll dieses Entgegentreten dauern? Bis zur Erschöpfung? Bis zur vollständigen Abschreckung? Bis zur strategischen Niederlage einer Seite? Wer Konfrontation zur Leitlinie erklärt, muss auch erklären, wie sie endet.
Die Wahrheit ist unbequemer. Ein geopolitisch ambitioniertes Europa wird teuer. Verteidigungsausgaben steigen, Haushalte geraten unter Druck, wirtschaftliche Spielräume schrumpfen. Besonders Deutschland, ohnehin mit Energiekrise, Standortfragen und industrieller Transformation belastet, wird den finanziellen Kern dieser Strategie tragen. Machtpolitik ist kein rhetorisches Projekt. Sie ist eine Budgetfrage.
Macron spricht von strategischer Autonomie. Doch Autonomie bedeutet nicht nur Unabhängigkeit von Washington. Sie bedeutet auch eine neue Hierarchie innerhalb Europas. Frankreich, als einzige Atommacht der EU, würde automatisch an Einfluss gewinnen. Ein militärisch integriertes Europa wäre nicht nur stärker – es wäre auch zentralisierter.
Sicherheit ist notwendig. Abschreckung ist legitim. Aber wer Europa in eine dauerhafte Frontstellung führt, verändert seinen Charakter. Dauerhafte Konfrontation erzeugt Dauerbelastung. Und Dauerbelastung untergräbt langfristig Stabilität.
Europa steht nicht vor der Entscheidung zwischen Mut und Feigheit. Es steht vor der Entscheidung zwischen Machtprojektion und Maß. Zwischen strategischer Besonnenheit und geopolitischem Ehrgeiz.
Macht ist kein Selbstzweck. Wer sie anstrebt, sollte wissen, welchen Preis er zu zahlen bereit ist – und wer ihn am Ende tatsächlich bezahlt.
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