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WEF in Davos: Die Illusion der globalen Steuerung – und ihr Klassenproblem

  • Autorenbild: Thomas Tratnik
    Thomas Tratnik
  • vor 4 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

Während sich im Schweizer Alpenort Davos erneut die selbsternannten Lenker der Weltwirtschaft versammeln, offenbart das aktuelle Chaos abseits der Hauptbühnen mehr als nur organisatorisches Versagen. Es zeigt die innere Logik des Weltwirtschaftsforum: Zugang ist Macht – und Macht ist exklusiv.

1. Davos als Parallelgesellschaft


Fast 200 registrierte und zahlende Teilnehmer, die in der Kälte stranden, weil ihnen farbcodierte Abzeichen fehlen, sind kein Betriebsunfall. Sie sind Symptom. In Davos entscheidet nicht Expertise, nicht Argument, nicht Öffentlichkeit – sondern der richtige Badge. Wer ihn nicht trägt, bleibt draußen, buchstäblich.


Das WEF inszeniert sich als offenes Forum für globale Herausforderungen. In der Praxis operiert es als geschlossener Club mit gestuften Zugangsrechten, in dem selbst wohlhabende Akteure zur „unteren Kaste“ werden können, wenn sie nicht die richtigen Kanäle bedienen.


2. Graumarkt statt Governance

Der florierende Handel mit „VIP-Zugängen“, gefälschten oder „off-label“-Badges zu vierstelligen Frankenbeträgen ist kein Randphänomen, sondern logische Konsequenz eines Systems, das formale Legitimation durch informelle Netzwerke ersetzt.


Wenn Zugang zur politischen und wirtschaftlichen Macht käuflich ist, aber nicht transparent, entsteht kein Markt der Ideen, sondern ein Markt der Privilegien. Davos wird so zur Messe der Einflussnahme – ohne demokratische Rechenschaft.


3. Die Hierarchie der Wichtigkeit

Das Fiasko um EmTech Invest zeigt eine weitere Wahrheit: Selbst innerhalb des WEF-Ökosystems herrscht eine strikte Rangordnung. Nebenveranstaltungen, Start-ups, Tech-Investoren – sie dienen als Kulisse, nicht als Akteure. Wer nicht auf den offiziellen Gästelisten der Kernzirkel steht, ist austauschbar.


Die Aussage „Die Show muss weitergehen“ ist entlarvend. Gemeint ist nicht der Diskurs, sondern die Inszenierung von Relevanz.


4. Elitenkommunikation ohne Öffentlichkeit

Während in Davos über Klima, Krieg, Technologie und Gesellschaft gesprochen wird, bleibt der Diskurs der Öffentlichkeit entzogen. Keine Mandate, keine Beschlüsse, keine Verantwortung – aber erhebliche Signalwirkung. Regierungen orientieren sich an Davos-Narrativen, ohne dass diese demokratisch legitimiert wären.


Das ist kein Zufall. Das WEF bietet Entscheidern einen Raum, in dem Politik ohne Politik gemacht werden kann: vorab, informell, folgenlos für die Beteiligten – folgenreich für alle anderen.


5. Das moralische Paradox

Besonders augenfällig ist der Widerspruch zwischen Anspruch und Praxis. Während in Panels über soziale Gerechtigkeit, Inklusion und Nachhaltigkeit referiert wird, reproduziert Davos selbst ein striktes Klassensystem – sichtbar, farbcodiert, kontrolliert.


Wer draußen friert, lernt schnell: Gleichheit ist ein Thema für Panels, nicht für den Zugang.


6. Fazit: Davos ist kein Steuerungszentrum – sondern ein Spiegel

Das Chaos um gesperrte Teilnehmer ist keine Petitesse. Es ist ein Blick hinter die Fassade eines Forums, das sich als globales Gewissen inszeniert, aber nach den Regeln exklusiver Machtzirkel funktioniert.


Davos steht weniger für die Lösung globaler Probleme als für deren Entkopplung von demokratischer Kontrolle. Die „untere Kaste“ vor verschlossenen Türen ist dabei kein Ausreißer – sondern die ehrlichste Metapher dieser Veranstaltung.


Wer verstehen will, wie die gegenwärtige Weltordnung tickt, muss nicht in die Konferenzräume. Es reicht, die zu beobachten, die draußen stehen.





 
 
 

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