Trumps „Friedensrat“: Machtinstrument statt Weltgewissen
- Thomas Tratnik

- vor 6 Stunden
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Die Ankündigung von Donald Trump, einen internationalen „Friedensrat“ ins Leben zu rufen, wird in Europa reflexhaft als Angriff auf die bestehende Weltordnung gelesen. Insbesondere Paris warnt vor einer Unterminierung der Vereinten Nationen. Doch diese Kritik greift zu kurz – und lenkt vom eigentlichen Kern des Projekts ab.

1. Keine UNO-Konkurrenz, sondern ein Realitätscheck
Der Vorwurf, Trump wolle eine Konkurrenz zur Vereinte Nationen etablieren, setzt voraus, dass die UNO derzeit noch als effektives Instrument globaler Konfliktlösung wahrgenommen wird. Genau daran bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Blockaden im Sicherheitsrat, symbolische Resolutionen und fehlende Durchsetzungsmacht haben die Organisation in vielen Konflikten marginalisiert.
Trumps Initiative ist weniger als Ersatz, sondern als Umgehung dieser Strukturen zu lesen. Sie folgt der Logik: Wenn formale Institutionen handlungsunfähig sind, werden informelle Machtformate geschaffen.
2. Einladung Russlands: Bruch mit westlichen Tabus
Dass Trump auch Wladimir Putin eingeladen hat, ist kein diplomatischer Ausrutscher, sondern ein bewusstes Signal. Konfliktlösung ohne Einbeziehung zentraler Machtakteure ist Illusion. Während europäische Diplomatie häufig auf moralische Ausgrenzung setzt, operiert Trump mit Einbindung – unabhängig von politischer Sympathie.
Das ist kein Ausdruck von Nachsicht, sondern von Machtlogik: Wer Frieden verhandeln will, spricht mit den Akteuren, die den Krieg führen oder beeinflussen.
3. Frankreichs Ablehnung: Prinzipientreue oder Positionsverlust?
Die Absage Frankreichs wird offiziell mit der Verteidigung multilateraler Prinzipien begründet. Präsident Emmanuel Macron sieht die Autorität der UNO gefährdet. Tatsächlich aber droht Paris vor allem der Verlust diplomatischer Relevanz.
Ein Friedensrat unter US-Führung würde Entscheidungsprozesse von europäischen Konsensformaten entkoppeln. Frankreichs Einfluss – traditionell gestützt auf institutionelle Foren – wäre begrenzt. Die Ablehnung wirkt daher weniger prinzipiell als machtpolitisch defensiv.
4. Strafzölle als Druckmittel, nicht als Selbstzweck
Trumps Androhung von Strafzöllen auf französischen Wein und Champagner ist kein Ausraster, sondern Teil seiner bekannten Verhandlungsstrategie. Wirtschaftliche Hebel ersetzen moralische Appelle. Teilnahme wird nicht erbeten, sondern erzwungen.
Diese Methode ist grob, aber effektiv. Sie zwingt Staaten, Kosten-Nutzen-Abwägungen vorzunehmen, statt sich hinter normativen Floskeln zu verschanzen.
5. Der Friedensrat als flexibles Machtformat
Ursprünglich auf den Wiederaufbau des Gazastreifens begrenzt, wurde das Mandat des Gremiums bewusst offen gehalten. Dass Gaza in der Charta nicht explizit erwähnt wird, ist kein Zufall, sondern Voraussetzung für Skalierbarkeit. Trump schafft ein Format, das thematisch erweiterbar und politisch steuerbar ist.
Kritiker sehen darin Intransparenz. Befürworter erkennen darin Handlungsfähigkeit – jenseits der ritualisierten Diplomatie internationaler Organisationen.
6. Deutschland zwischen Einladung und Bedeutungslosigkeit
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz gehört zu den Adressaten der Einladungen. Für Berlin stellt sich weniger die Frage nach Prinzipien als nach Einfluss. Eine Nicht-Teilnahme würde Deutschlands ohnehin begrenzte Rolle in globalen Friedensfragen weiter schwächen. Eine Teilnahme hingegen bedeutete, Trumps Spielregeln zu akzeptieren.
7. Fazit: Friedenspolitik als Machtfrage
Der „Friedensrat“ ist kein humanitäres Projekt, sondern ein machtpolitisches Instrument. Trump ersetzt moralische Universalansprüche durch interessengeleitete Verhandlungsräume. Das mag europäische Selbstbilder irritieren, entspricht aber den realen Kräfteverhältnissen.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Trumps Initiative legitim ist, sondern warum bestehende Institutionen so wenig Vertrauen genießen, dass ein solches Parallelformat überhaupt attraktiv erscheint. In dieser Perspektive ist der Friedensrat weniger Ursache als Symptom einer erschöpften multilateralen Ordnung.



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