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Neue Bewegung im Ukraine-Krieg: Sicherheitsgarantien, Gespräche – und viele offene Fragen

  • Autorenbild: Thomas Tratnik
    Thomas Tratnik
  • 23. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Die jüngsten Ankündigungen aus Davos markieren ohne Zweifel eine Zäsur im bisherigen Stillstand des Ukraine-Krieges. Doch der plötzliche Optimismus verlangt nach Einordnung. Denn zwischen diplomatischer Bewegung und politischer Substanz klafft weiterhin eine erhebliche Lücke.



1. Sicherheitsgarantien: Politisches Signal oder belastbare Zusage?

Die Aussage von Wolodymyr Selenskyj, die US-Sicherheitsgarantien seien „endgültig geklärt“, ist zunächst ein politisches Signal, kein rechtlicher Endpunkt. Entscheidend ist nicht die Ankündigung, sondern der Inhalt:


  • Handelt es sich um bilaterale Garantien oder um politische Absichtserklärungen?

  • Sind militärische Beistandsverpflichtungen enthalten – oder lediglich Sicherheitskooperation, Waffenlieferungen und Ausbildung?

  • Welche Rolle spielen Parlamente und Haushaltsfragen?


Dass das Dokument noch unterzeichnet und anschließend parlamentarisch bestätigt werden muss, zeigt: Die Zusage ist politisch gewollt, aber institutionell noch nicht abgesichert.


Für Donald Trump liegt der Vorteil auf der Hand: Er kann außenpolitische Handlungsfähigkeit demonstrieren, ohne sich sofort militärisch festzulegen. Für Selenskyj wiederum ist jede Form von Sicherheitsgarantie ein innenpolitisches und strategisches Pfand – insbesondere gegenüber europäischen Partnern.


2. Trilaterale Gespräche: Symbolik vor Durchbruch

Die angekündigten Gespräche zwischen den USA, der Ukraine und Russland in den Vereinigten Arabischen Emiraten sind bemerkenswert, weil sie stattfinden – nicht, weil sie bereits Ergebnisse versprechen.


Dass Selenskyj selbst die Erwartungen dämpft („besser als gar keine Treffen“), ist realistisch. Die Zusammensetzung der Delegationen zeigt jedoch, dass es nicht um symbolische Diplomatie, sondern um sicherheitsrelevante Kernfragen geht:


  • Auf US-Seite agieren mit Jared Kushner und Steve Witkoff politisch eng an Trump gebundene Unterhändler, nicht klassische Diplomaten.

  • Russland entsendet mit Igor Kostjukow den Chef des Militärgeheimdienstes GRU – ein klares Signal, dass Moskau die Gespräche primär sicherheits- und militärpolitisch versteht.

  • Die ukrainische Delegation ist hochrangig, aber nicht ministeriell geführt – ein Hinweis auf Vorsicht und begrenzte Erwartungen.


Das Format deutet weniger auf einen umfassenden Friedensschluss hin als auf Sondierungen über Waffenstillstandslinien, Sicherheitszonen und Einflussbereiche.


3. Trumps Rolle: Vermittler mit Eigeninteresse

Trump positioniert sich erneut als Deal-Maker, nicht als normativer Schiedsrichter. Sein Ansatz unterscheidet sich fundamental von der bisherigen westlichen Linie:


  • weniger Betonung von Völkerrecht und Moral

  • mehr Fokus auf Stabilisierung, Kontrolle und geopolitische Prioritäten


Für Trump ist der Ukraine-Krieg kein Identitätskonflikt des Westens, sondern ein strategisches Problem, das Ressourcen bindet und die Konfrontation mit China und Russland überlagert. Ein kontrollierter Frieden – auch ein unbequemer – wäre aus seiner Sicht ein Erfolg.



4. Russland: Gesprächsbereit, aber nicht kompromissbereit

Die Teilnahme Russlands ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Kalkül. Moskau hat wenig Interesse an einer Eskalation mit den USA, solange militärische Gewinne konsolidiert werden können. Gespräche bedeuten nicht Einlenken – sondern Zeitgewinn, Legitimation und Informationsgewinn.

Dass frühere Annäherungen zuletzt an symbolischen Zwischenfällen scheiterten, zeigt, wie fragil der Prozess bleibt.


5. Fazit: Bewegung ja – Durchbruch offen

Was wir derzeit sehen, ist kein Wendepunkt, sondern eine Neujustierung der Gesprächskanäle. Die USA übernehmen wieder die zentrale Steuerungsrolle, Europa bleibt Zuschauer.


Sicherheitsgarantien werden politisch in Aussicht gestellt, ohne ihre Reichweite klar zu benennen.

Der Friedensprozess lebt – aber er ist weiterhin machtpolitisch getrieben, nicht rechtlich oder normativ fundiert. Entscheidend wird sein, ob aus den Gesprächen mehr entsteht als ein temporärer Waffenstillstand – und ob die Sicherheitsgarantien tatsächlich über politische Symbolik hinausgehen.


Kurz gesagt: Es gibt Bewegung. Aber noch keinen Boden unter den Füßen.








 
 
 

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