Das Weltwirtschaftsforum: Macht ohne Mandat
- Thomas Tratnik

- vor 3 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos inszeniert sich seit Jahrzehnten als globales Diskussionsforum für die großen Fragen der Zeit. In Wahrheit ist es ein machtpolitischer Knotenpunkt ohne demokratische Legitimation, ein Ort, an dem politische Weichen vorab gestellt werden – fernab parlamentarischer Kontrolle, öffentlicher Rechenschaft und gesellschaftlicher Mitsprache.

1. Davos: Bühne der Selbstermächtigung
Im schweizerischen Davos treffen sich jährlich Staats- und Regierungschefs, Konzernlenker, Militärs, Zentralbanker und NGO-Funktionäre. Was dort verhandelt wird, ist offiziell unverbindlich. Was dort abgesprochen wird, entfaltet jedoch reale Wirkung: Gesetzesinitiativen, Regulierungsrahmen, wirtschaftspolitische Leitlinien.
Davos ist kein Parlament, kein Gipfel mit Mandat, kein völkerrechtliches Organ. Und genau darin liegt seine Attraktivität für Machteliten: Einfluss ohne Verantwortung.
2. Wer spricht – und wer draußen bleibt
Der Zugang zum WEF ist streng selektiv. Teilnahme ist teuer, kuratiert, hierarchisiert. Selbst zahlende Gäste können ausgeschlossen werden, wenn sie nicht in die informellen Netzwerke passen. Die jüngsten Zugangsskandale zeigen: Davos operiert nach Klassenzugehörigkeit, nicht nach Kompetenz oder öffentlichem Interesse.
Zivilgesellschaft, kritische Öffentlichkeit, Opposition – sie kommen in Davos nicht vor. Stattdessen sprechen Akteure, die bereits über Macht, Kapital oder institutionellen Zugriff verfügen. Das WEF reproduziert damit genau jene Ungleichgewichte, die es rhetorisch zu bekämpfen vorgibt.
3. Die ideologische Tarnung
Über Jahre gab sich das Forum einen moralischen Überbau: Klima, Nachhaltigkeit, Diversität, „Stakeholder-Kapitalismus“. Diese Begriffe dienten weniger der Problemlösung als der Legitimation von Steuerungsansprüchen.
Unter dem Deckmantel globaler Verantwortung wurden:
tiefgreifende Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft vorbereitet,
technokratische Regulierungsmodelle propagiert,
demokratische Aushandlungsprozesse als zu langsam diskreditiert.
Das Narrativ: Die Welt sei zu komplex für Wähler, Parlamente und nationale Souveränität – sie brauche „Experten“.
4. Global Governance ohne Volk
Das WEF ist ein zentraler Akteur der sogenannten Global Governance – eines informellen Systems, in dem politische Entscheidungen zunehmend außerhalb demokratischer Institutionen vorbereitet werden. Regierungen fungieren dabei oft nur noch als Umsetzer vorformulierter Agenden.
Besonders problematisch: Diese Prozesse sind intransparent. Protokolle, Entscheidungswege, Interessenverflechtungen bleiben verborgen. Wer Einfluss nimmt, ist sichtbar – wer profitiert, bleibt meist im Dunkeln.
5. Nähe zu Konzernen, Distanz zur Realität
Das Forum ist eng mit multinationalen Konzernen verflochten. Sponsoring, Partnerschaften und personelle Überschneidungen sind strukturell angelegt. Wenn CEOs über Regulierung, Digitalisierung oder Arbeitsmärkte sprechen, geschieht dies aus der Perspektive der Gewinner.
Die sozialen Folgen dieser Politik – Deindustrialisierung, Prekarisierung, Energiearmut – werden in Davos allenfalls abstrakt behandelt. Betroffene kommen nicht zu Wort.
6. Der Mythos vom „Dialog“
Verteidiger des WEF verweisen gern auf den Dialogcharakter. Doch Dialog setzt Augenhöhe voraus. In Davos existiert sie nicht. Staaten des globalen Südens, kleine Volkswirtschaften, oppositionelle Stimmen – sie dienen als Kulisse, nicht als Gestalter.
Das WEF ist kein Ort des offenen Streits, sondern der Vereinheitlichung von Elitennarrativen.
7. Fazit: Davos ist kein Forum – es ist ein Machtfilter
Das Weltwirtschaftsforum ist kein neutraler Marktplatz der Ideen. Es ist ein Filter, der bestimmt, welche Ideen zirkulieren dürfen – und welche nicht. Es entzieht zentrale politische Fragen der demokratischen Auseinandersetzung und verlagert sie in exklusive Räume.
Gerade deshalb verdient das WEF nicht Bewunderung, sondern kritische Kontrolle. Solange globale Politik in Davos vorbereitet wird, ohne Mandat, ohne Transparenz und ohne Rechenschaft, bleibt das Versprechen demokratischer Selbstbestimmung hohl.
Davos ist nicht die Lösung globaler Probleme. Davos ist Teil des Problems.



Kommentare