Warum sich Journalismus zunehmend wie Gegenaufklärung verhält
- Thomas Tratnik

- vor 3 Stunden
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Es gehört zu den stillen, aber folgenreichen Verschiebungen unserer Zeit, dass Journalismus seine klassische Funktion immer häufiger verlässt. Statt Informationen zu ordnen, Macht zu kontrollieren und Widersprüche offenzulegen, agieren große Teile der etablierten Medien zunehmend als Akteure der Meinungslenkung. Nicht durch offene Zensur, sondern durch Auswahl, Gewichtung und moralische Rahmung. Der Effekt ist kein Informationsgewinn, sondern eine gezielte Verengung des Diskurses.

Der aktuelle Umgang mit der Bargeldpetition, mit politischem Protest oder mit unbequemen Gesprächspartnern liefert dafür ein Lehrbuchbeispiel. Sobald ein Thema gesellschaftliche Resonanz entfaltet, wird nicht zuerst gefragt, ob die vorgetragenen Argumente stimmen, sondern wer sie vorträgt und in welches ideologische Raster sie eingeordnet werden können. Inhalt wird durch Zuschreibung ersetzt.
Framing statt Fakten
Ein zentrales Instrument dieser Entwicklung ist das Framing. Positionen werden nicht widerlegt, sondern kontextualisiert – allerdings nicht sachlich, sondern moralisch. Wer Bargeld verteidigt, wird nicht als jemand dargestellt, der funktionale, datenschutzrechtliche oder krisenfeste Argumente anführt, sondern als jemand, der „Narrative“ bedient. Wer staatliche Eingriffe kritisiert, gilt nicht als Skeptiker, sondern als potenzieller Gefährder der Ordnung.
Damit verschiebt sich der Maßstab: Nicht mehr die Aussage ist relevant, sondern die vermutete Gesinnung dahinter. Journalismus wird so zur Vorfeldarbeit politischer Abgrenzung. Das Ergebnis ist eine Art präventive Delegitimierung, die Debatten beendet, bevor sie überhaupt geführt werden.
Der doppelte Standard
Besonders deutlich wird diese Schieflage bei der Bewertung von Extremismus. Gewalt wird nicht nach ihrer Wirkung beurteilt, sondern nach ihrer ideologischen Verortung. Während bestimmte Phänomene permanent skandalisiert werden – unabhängig von tatsächlicher Größenordnung oder Relevanz –, werden andere relativiert, verharmlost oder semantisch entschärft.
Begriffe wie „Aktivismus“, „Protest“ oder „ziviler Ungehorsam“ ersetzen dort nüchterne Beschreibungen von Sachbeschädigung, Einschüchterung oder körperlicher Gewalt. Der Journalismus übernimmt damit nicht nur eine Deutung, sondern schützt sie aktiv vor Kritik. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer normativen Selbstverortung vieler Redaktionen.
Fallstudie: Wenn Haltung flexibel wird
Besonders aufschlussreich sind Situationen, in denen Journalisten selbst zwischen zwei Öffentlichkeiten wechseln. Ein offenes, kritisches Gespräch im privaten oder halböffentlichen Rahmen – und wenige Tage später ein deutlich angepasstes Auftreten im etablierten Medienformat.
Solche Brüche sind kein individuelles Charakterproblem. Sie verweisen auf strukturellen Druck. Redaktionen, Rundfunkräte, politische Erwartungen, soziale Sanktionen – all das erzeugt ein Klima, in dem Abweichung zwar gedacht, aber nicht ausgesprochen wird. Journalismus funktioniert dann nicht mehr als unabhängige Instanz, sondern als Teil eines Systems, das Konformität belohnt und Abweichung sanktioniert.
Gegenaufklärung als Geschäftsmodell
Diese Entwicklung ist kein Betriebsunfall, sondern folgt klaren Anreizen. Aufmerksamkeit, Förderung, Zugang zu Eliten, Werbebudgets und politische Nähe hängen zunehmend davon ab, bestimmte Grundannahmen nicht infrage zu stellen. Kritik wird nicht verboten, aber ökonomisch und reputativ unattraktiv gemacht.
So entsteht eine Form von Gegenaufklärung: Informationen sind verfügbar, aber sie werden so gerahmt, dass sie ihre aufklärende Wirkung verlieren. Komplexe Sachverhalte werden moralisch vereinfacht, legitime Interessen psychologisiert, strukturelle Machtfragen personalisiert. Der Leser soll nicht urteilen, sondern sich positionieren – idealerweise auf der „richtigen“ Seite.
Die Konsequenz für die Öffentlichkeit
Eine demokratische Öffentlichkeit lebt vom Streit der Argumente. Wenn dieser Streit durch moralische Voraburteile ersetzt wird, verliert die Gesellschaft ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Vertrauen schwindet nicht, weil Menschen „desinformiert“ sind, sondern weil sie merken, dass zentrale Fragen nicht mehr offen verhandelt werden dürfen.
Der zunehmende Erfolg alternativer Medien, Newsletter und unabhängiger Plattformen ist daher kein Angriff auf den Journalismus, sondern eine Reaktion auf sein Versagen. Wo etablierte Medien ihre Rolle als kritische Instanz aufgeben, entsteht zwangsläufig Raum für Gegenöffentlichkeit.
Fazit
Journalismus, der sich als Erziehungsinstrument versteht, verfehlt seinen Auftrag. Nicht, weil er Haltung zeigt, sondern weil er sie über Erkenntnis stellt. Die zentrale Aufgabe bleibt unverändert: Macht zu kontrollieren, Argumente zu prüfen und Widerspruch auszuhalten.
Wo Medien diese Aufgabe gegen politische Loyalität, moralische Eindeutigkeit oder institutionelle Nähe eintauschen, betreiben sie keine Aufklärung mehr – sondern Verwaltung von Meinung. Und genau darin liegt die eigentliche Gefahr für eine offene Gesellschaft.



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