Trumps Nationale Sicherheitsstrategie 2026
- Thomas Tratnik

- 4. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Trumps Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) für 2026 ist weniger ein konsistenter Masterplan als ein machtpolitisches Betriebssystem, das die Welt nicht ordnen, sondern priorisieren, reduzieren und neu verhandeln will.

1. Ausgangspunkt: Abrechnung mit 25 Jahren US-Fehlsteuerung
Die NSS beginnt mit einer fundamentalen Diagnose: Die USA haben seit 2001 strategische Substanz verspielt – militärisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch.
Endlose Interventionen ohne strategischen Gewinn
Globalisierung ohne geopolitische Absicherung
Institutionenbindung ohne Souveränitätsschutz
China ist in dieser Lesart kein Unfall, sondern das Produkt westlicher Naivität: Marktzugang, Technologietransfer und Produktionsverlagerung ohne Gegenleistung. Die NSS markiert daher eine bewusste Abkehr vom post-kalten-Krieg-Konsens.
2. Kernthese: Amerika trägt die Welt nicht mehr
Der zentrale Satz der Strategie – „Die Tage, in denen die USA die Weltordnung allein tragen, sind vorbei“ – ist der Dreh- und Angelpunkt. Trump ersetzt globale Verantwortung durch selektive Dominanz.
Das bedeutet:
Keine universelle Ordnungspolitik mehr
Kein moralischer Universalismus
Keine multilaterale Selbstbindung ohne Gegenwert
Die Welt wird nicht mehr als Projekt, sondern als Wettbewerbsarena verstanden.
3. Die Logik der Geographie: Monroe-Doktrin 2.0
Die NSS priorisiert kompromisslos die westliche Hemisphäre. Lateinamerika wird nicht als Partnerzone, sondern als strategischer Sicherheitsraum definiert.
Das sogenannte „Trump Corollary“ zur Monroe-Doktrin ist offen interventionistisch:
Migration als Sicherheitsbedrohung
Kriminalität als Vorwand für militärische Mittel
Fremdmachtpräsenz als rote Linie
Das ist klassische Kanonenboot-Diplomatie im 21. Jahrhundert – weniger ideologisch, dafür transaktional und rücksichtslos.
4. Das strategische Dilemma: Sicherheit vs. Realität
Hier offenbart sich der zentrale Widerspruch der NSS: Die realen Hauptbedrohungen liegen nicht in Lateinamerika, sondern:
Russland in Europa
China im Indopazifik
Doch Ressourcen sind begrenzt. Trumps Lösung ist ein Rückgriff auf Großmachtlogik:
Einflusszonen statt Wertegemeinschaft
Stabilität durch Deals statt durch Normen
Die Konsequenz ist geopolitisch brisant: Wenn Amerika seine Hemisphäre beansprucht, legitimiert es implizit russische und chinesische Einflusszonen anderswo.
5. Ukraine, Europa und der Preis der „Stabilität“
Die NSS legt nahe, dass Frieden in Europa nur durch territoriale Zugeständnisse erreichbar sei.Europa wird nicht als strategischer Partner, sondern als strategisches Problem dargestellt:
Militärisch abhängig
Wirtschaftlich geschwächt
Demografisch fragmentiert
Politisch gelähmt
Die Botschaft ist klar: Europa soll zahlen, liefern oder schweigen.
6. Zivilisationsnarrativ: Sicherheit wird kulturell definiert
Ein neuer, gefährlicher Akzent der NSS ist die Verschränkung von Sicherheit und kultureller Identität:
Migration als Zivilisationsbedrohung
Multikulturalismus als Sicherheitsrisiko
Nationale Homogenität als Stabilitätsfaktor
Das ist keine klassische Sicherheitsanalyse, sondern eine zivilisatorische Risikoerzählung, die innenpolitische Mobilisierung mit außenpolitischer Legitimation verbindet.
7. China als eigentlicher Fixpunkt
Trotz aller Ablenkungen bleibt China der strategische Hauptgegner:
Lieferketten
Halbleiter
Seewege
Technologische Dominanz
Taiwan wird dabei weniger als Demokratie verteidigt, sondern als geostrategischer Schlüsselraum. Verbündete sollen mehr leisten, ohne mehr Mitsprache zu erhalten – ein klassisches Führungsparadox.
8. Der strategische Preis der Härte
Die NSS setzt auf Druck, Zölle und Konfrontation – auch gegenüber Partnern. Das Risiko:
Entfremdung von Schlüsselstaaten wie Indien oder Brasilien
Beschleunigte Blockbildung
Strategische Annäherung zwischen Nicht-West-Mächten
Macht wird eingesetzt, aber nicht immer gezielt.
Gesamtbewertung
Trumps Nationale Sicherheitsstrategie 2026 ist:
realistisch in der Diagnose,
radikal in der Priorisierung,
inkonsistent in der Umsetzung.
Sie ersetzt Ordnung durch Macht, Werte durch Interessen und Allianzen durch Deals. Kurzfristig erhöht das die Handlungsfreiheit der USA. Langfristig jedoch riskiert es eine fragmentierte Welt, in der Stabilität erkauft, nicht gestaltet wird.
Fazit
Diese Strategie ist kein Rückzug – sie ist eine Verdichtung amerikanischer Macht auf Kosten globaler Verlässlichkeit. Sie zeigt nicht, wie die USA die Welt führen wollen, sondern wie sie verhindern wollen, von ihr überfordert zu werden.
TTV Nachrichten ordnet ein, wo Macht zur Methode wird – und Strategie zur Wette auf Zeit.









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