Joschka Fischer und die Atombombe: Der endgültige Abschied von jeder Friedensrhetorik
- Thomas Tratnik

- vor 3 Tagen
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Mit seiner Forderung nach einer europäischen Atombombe hat Joschka Fischer einen politischen Punkt markiert, der weit über eine provokante Meinungsäußerung hinausgeht. Sie steht exemplarisch für den vollständigen Bruch mit jener Friedensrhetorik, mit der die Grünen einst angetreten sind – und für die offene Hinwendung zu einer machtpolitischen, militarisierten Weltsicht.

Was Fischer im Tagesspiegel formuliert, ist keine spontane Zuspitzung. Es ist die logische Konsequenz eines Denkens, das seit Jahren vorbereitet wird: Abschreckung statt Diplomatie, Aufrüstung statt Deeskalation, Feindbildpflege statt politischer Vernunft.
Atomare Bewaffnung als „Normalität“
Die Forderung nach einer europäischen Atombombe bedeutet, eine Waffe zu legitimieren, deren einziger Zweck in der totalen Vernichtung liegt. Atomwaffen sind keine Verteidigungsinstrumente im klassischen Sinne. Sie sind politisch nutzlos, militärisch unkalkulierbar und moralisch nicht einhegba r. Ihre Existenz beruht allein auf der Bereitschaft, im Extremfall alles zu zerstören.
Wenn Fischer diese Waffe nun als notwendige Konsequenz einer angeblich „ungewissen amerikanischen Schutzgarantie“ darstellt, offenbart sich die innere Leere dieser Argumentation. Europa müsse „das machen“, sagt Fischer. Doch Europa muss gar nichts – außer sich der Folgen einer solchen Eskalationslogik bewusst zu werden.
Eine europäische Atombombe würde nicht Sicherheit schaffen, sondern die atomare Schwelle weiter senken, neue Rüstungsdynamiken auslösen und Europa endgültig zu einem eigenständigen nuklearen Akteur machen – mit allen Risiken, die bisher bewusst ausgelagert waren.
Kalter Krieg reloaded – mit grünem Etikett
Fischers Argumentation bedient ein bekanntes Muster: Russland als permanente Bedrohung, Abschreckung als alternativlos, Stärke als einzig wirksame Sprache. Es ist das alte Denken des Kalten Krieges, neu verpackt, diesmal jedoch ohne die damals zumindest noch vorhandenen Reste einer diplomatischen Gegenbalance.
Statt über Sicherheitsarchitekturen, Rüstungskontrolle, Interessenausgleich oder politische Entspannung zu sprechen, wird ein Szenario behauptet, das nur eine Richtung kennt: militärische Eskalation. Die Möglichkeit, dass Sicherheit auch durch Kooperation entstehen könnte, kommt in dieser Denkweise nicht mehr vor.
Wer atomare Bewaffnung fordert, setzt implizit voraus, dass ein atomarer Krieg zumindest denkbar, vielleicht sogar führbar ist. Diese Prämisse ist der eigentliche Skandal.
Machtfantasien statt Verantwortung
Besonders entlarvend ist Fischers eigener Tonfall. Europa müsse „zur Macht werden“, ein „machtpolitischer Faktor“. Dass ausgerechnet ein ehemaliger Außenminister, der sich selbst als Teil der „Vietnam-Generation“ bezeichnet, heute solche Sätze sagt, zeigt die ideologische Verschiebung in aller Deutlichkeit.
Die Sprache der Macht ersetzt die Sprache der Politik. Stärke wird nicht mehr als Fähigkeit zur Konfliktvermeidung verstanden, sondern als Bereitschaft zur Eskalation. Das ist kein Realismus – das ist politischer Zynismus.
Fischer spricht von Bedrohung, ohne sie konkret zu benennen. Er fordert Aufrüstung, ohne das Ziel zu definieren. Und er blendet vollständig aus, was ein atomar bewaffnetes Europa strategisch bedeuten würde: eine weitere Fragmentierung der internationalen Ordnung, neue Frontlinien innerhalb Europas und eine dauerhafte Eskalationsspirale.
Der grüne Militarismus
Fischers Aussagen sind kein Ausreißer, sondern Ausdruck einer Entwicklung. Die Grünen haben sich längst von der Idee verabschiedet, dass Frieden ein politisches Ziel eigener Art ist. Stattdessen wird Frieden nur noch als Ergebnis militärischer Stärke gedacht – ein Widerspruch in sich.
Was früher als „Nie wieder Krieg“ formuliert wurde, ist heute zu „Kriegstüchtigkeit“ umgedeutet. Der moralische Anspruch bleibt rhetorisch erhalten, die politische Praxis hat ihn längst aufgegeben.
Dass Medien diese Forderungen weitgehend unkritisch weiterreichen, verstärkt das Problem. Eine Debatte über atomare Bewaffnung Europas wird behandelt wie eine technokratische Option, nicht wie das, was sie ist: eine fundamentale Weichenstellung mit existenziellen Folgen.
Politik ohne Maß
Joschka Fischers Vorstoß ist weniger ein sicherheitspolitisches Konzept als ein Symptom. Er zeigt, wie sehr sich politische Eliten von der Idee verabschiedet haben, dass Konflikte auch politisch gelöst werden können. Stattdessen wird auf Abschreckung, Drohung und Eskalation gesetzt – mit dem beruhigenden Selbstbild, auf der „richtigen Seite“ zu stehen.
Doch Atomwaffen kennen keine richtige Seite. Sie kennen nur Zerstörung.
Wer sie fordert, verabschiedet sich aus dem Raum verantwortbarer Politik. Und wer dies im Namen Europas tut, setzt dessen Zukunft aufs Spiel – nicht aus Notwendigkeit, sondern aus ideologischer Verblendung.
Fischers Forderung ist kein Beitrag zur Sicherheit. Sie ist ein Dokument politischer Verirrung.
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