Wir haben keine Krise – sondern einen schleichenden Kollaps
- Thomas Tratnik

- vor 3 Tagen
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Deutschland leidet nicht unter einer Krise. Krisen kommen und gehen. Sie erzwingen Entscheidungen, bündeln Kräfte, erzeugen Reibung – und am Ende Korrektur. Was wir derzeit erleben, ist etwas anderes: ein langsames, strukturelles Versagen, das nicht mehr als Ausnahme wahrgenommen wird, sondern als Zustand. Kein Schock, kein Bruch, kein Aufschrei – sondern ein kontrolliertes Absinken.

Der entscheidende Unterschied zu früheren Umbrüchen liegt nicht im Ausmaß, sondern in der Ursache. Frühere Krisen waren extern: Ölpreisschocks, Finanzblasen, geopolitische Erschütterungen. Heute ist der Zerfall hausgemacht. Er ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, die sich über Jahre gegenseitig verstärkt haben. Selbstsabotage, legitimiert durch Moral. Rückbau von Leistungsfähigkeit, verkauft als Fortschritt. Verantwortungslosigkeit, versteckt hinter Gremien, Kommissionen und „Sachzwängen“.
Das System funktioniert nicht mehr – und genau darin liegt seine neue Stabilität. Denn es wird nicht reformiert, sondern verwaltet. Politik ist nicht mehr Gestaltung, sondern Moderation des Niedergangs. Entscheidungen werden ausgelagert, Zuständigkeiten verwischt, Verantwortung fragmentiert. Niemand irrt mehr, weil niemand entscheidet. Das ist kein Betriebsunfall, sondern Methode.
Die Exekutive regiert nicht, sie reguliert. Sie versteht Produktion nicht mehr, aber Kontrolle. Sie misstraut Wertschöpfung, aber liebt Vorschriften. Wachstum gilt als verdächtig, Industrie als Belastung, Energie als Risiko. Statt Alternativen zu schaffen, werden funktionierende Strukturen abgeschaltet. Erst kommt das Verbot, dann die Hoffnung, dass sich irgendwann etwas Passendes findet.
Die Medien flankieren diesen Prozess nicht kritisch, sondern normativ. Sie agieren weniger als Beobachter denn als pädagogische Instanz. Abweichung gilt nicht mehr als Debatte, sondern als Gefahr. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern markiert. So entsteht eine Öffentlichkeit, die nicht mehr korrigiert, sondern diszipliniert. Und eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, sich selbst zu zensieren.
Der Kollaps ist deshalb nicht nur ökonomisch oder institutionell. Er ist psychologisch. Er liegt in der kollektiven Akzeptanz des Absurden. In der Bereitschaft, Stillstand als Verantwortung, Rückschritt als Reife und Verzicht als Tugend zu feiern. Früher hätte man versucht, sich aus der Krise herauszuarbeiten. Heute arbeitet man sich aus der Realität.
Die Folgen sind überall sichtbar. Schulen, die ihren Auftrag nicht mehr erfüllen können. Verwaltungen, die Bürger nicht mehr bedienen, sondern abwehren. Ein Mittelstand, der zwischen Bürokratie, Energiepreisen und Abgaben erdrückt wird. Sicherheitsorgane, die selektiv durchgreifen: machtlos gegenüber realer Gewalt, kompromisslos gegenüber politisch unerwünschtem Protest. Ein Staat, der Meinungen bekämpft, aber Probleme verwaltet.
Und dennoch dominiert Beschwichtigung. Man spricht von „Herausforderungen“, von „Transformationsprozessen“, von „schwierigen Jahren“. Diese Sprache ist kein Zufall. Sie entpolitisiert den Niedergang. Sie verschiebt ihn in einen diffusen Zukunftsraum, in dem immer morgen entschieden wird – und nie heute.
Wer in dieser Lage noch von einer normalen Krise spricht, unterschätzt das Entscheidende: Dieser Abstieg ist nicht mehr durch Konjunkturprogramme oder Investitionspakete zu stoppen. Er ist mental verankert. Er ist Teil eines Selbstbildes geworden, das Leistung misstraut, Konflikte scheut und Verantwortung delegiert. Eine Elite hat sich in diesem Zustand eingerichtet – nicht aus Bosheit, sondern aus Bequemlichkeit und ideologischer Selbstgewissheit.
Optimismus ist in diesem Umfeld keine Frage des Willens, sondern der Erfahrung. Wer den Zusammenbruch von Staaten, Wirtschaftssystemen und Gesellschaften nie erlebt hat, hält ihn für undenkbar. Wer ihn gesehen hat, weiß: Er kommt nicht mit einem Knall. Er kommt leise. Verwaltungsförmig. Moralisch abgesichert.
Vielleicht irre ich mich. Das wäre die beste Nachricht. Aber nichts in der aktuellen Machtarchitektur, nichts in der politischen Kultur, nichts in der öffentlichen Debatte deutet darauf hin, dass dieses Land noch über die Kraft zur Umkehr verfügt.
Wir haben keine Krise.
Wir haben uns eingerichtet – im Niedergang.
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