Mercosur: Freihandel um jeden Preis? Wie die EU Transparenz, Bauern und Verbraucher opfert
- Thomas Tratnik

- vor 4 Tagen
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Die EU hat am 9. Januar dem Mercosur-Abkommen trotz massiver Bauernproteste, besonders in Frankreich, zugestimmt. Wichtige Kritikpunkte von Landwirten und Verbraucherschützern blieben ungelöst. Aus strategischer Sicht ist das Mercosur-Abkommen ein Paradebeispiel dafür, wie politische Großprojekte an Akzeptanz verlieren, wenn Transparenz, Folgenabschätzung und Einbindung der Betroffenen zu kurz kommen.

Governance-Problem statt Freihandelsgewinn
Das Abkommen wird offiziell als wirtschaftlicher Meilenstein verkauft, faktisch aber wirkt der Entscheidungsprozess wie klassische Hinterzimmerpolitik. Massive Bauernproteste, insbesondere in Frankreich, wurden politisch eingepreist, aber nicht inhaltlich adressiert. Wenn nationale Zustimmungen offenbar durch politische Zugeständnisse „organisiert“ werden, beschädigt das die Glaubwürdigkeit europäischer Entscheidungsstrukturen nachhaltig.
Wettbewerb unter ungleichen Bedingungen
Der Kernkonflikt liegt nicht im Handel an sich, sondern in der Asymmetrie der Standards. Europäische Landwirte produzieren unter hohen Umwelt-, Tierwohl- und Gesundheitsauflagen. Gleichzeitig sollen Agrarimporte zugelassen werden, bei denen ernsthafte Zweifel bestehen, ob diese Standards eingehalten werden können oder überhaupt kontrollierbar sind. Berichte über verbotene Hormone und Antibiotika in der brasilianischen Rinderzucht sind kein Randthema, sondern ein strukturelles Risiko für Verbraucher- und Marktschutz.
Verlagerung der Verantwortung auf den Konsumenten
Politisch besonders problematisch ist die implizite Strategie, Verantwortung nach unten durchzureichen: Der Verbraucher soll es „richten“ – durch bewusste Kaufentscheidungen. Das ist kein nachhaltiges Marktmodell, sondern ein Eingeständnis regulatorischer Schwäche. Verbraucherschutz darf kein individueller Selbsttest sein, sondern muss systemisch gewährleistet werden.
Strategische Bewertung
Freihandelsabkommen, die heimische Produzenten strukturell benachteiligen, untergraben langfristig Versorgungssicherheit, regionale Wertschöpfung und gesellschaftliche Akzeptanz. Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch Absenkung von Standards, sondern durch faire Rahmenbedingungen.
Fazit
Das Mercosur-Abkommen steht weniger für offenen Handel als für ein politisches Modell, das wirtschaftliche Interessen über Transparenz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz stellt. Wer die heimische Landwirtschaft erhalten will, muss klare rote Linien ziehen: Kein Marktzugang ohne gleichwertige Standards, keine Entscheidungen gegen die Betroffenen und keine Politik, die Verantwortung an den Einkaufskorb delegiert.
Transparenz ist kein Luxus – sie ist die Mindestvoraussetzung für Legitimität.



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