Wenn Heilung rechnen muss – wie Krankenhäuser zu betriebswirtschaftlichen Einheiten wurden
- Thomas Tratnik

- vor 4 Tagen
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Mit der Einführung der Fallpauschalen (DRG-System) hat sich das deutsche Krankenhauswesen grundlegend verändert. Medizinische Versorgung wird seitdem nicht mehr primär als öffentliche Daseinsvorsorge organisiert, sondern als abrechenbare Leistungseinheit. Jede Diagnose, jeder Eingriff, jeder Aufenthalt erhält einen festen Preis – unabhängig vom tatsächlichen Aufwand im konkreten Fall. Was medizinisch individuell ist, wird ökonomisch standardisiert.

Diese Logik ist nicht neutral. Sie erzeugt systematische Anreize. Behandlungen, die planbar, standardisierbar und schnell abzuarbeiten sind, werden wirtschaftlich attraktiv. Komplexe, zeitintensive oder risikobehaftete Fälle geraten unter Druck. Wirtschaftlichkeit ist kein Nebenziel mehr, sondern Überlebensbedingung für Krankenhäuser.
Staatlicher Rückzug und struktureller Zwang
Parallel zur Einführung der DRGs haben sich die Bundesländer schrittweise aus ihrer Pflicht zur Investitionsfinanzierung zurückgezogen. Notwendige Modernisierungen, Technik, Gebäude und IT mussten aus laufenden Erlösen finanziert werden. Krankenhäuser waren gezwungen, Gewinne zu erwirtschaften, um Substanz zu erhalten – eine Aufgabe, die eigentlich der Staat hätte tragen müssen.
Diese Unterfinanzierung ebnete den Weg für Privatisierungen. Kommunale Kliniken wurden verkauft oder in GmbHs überführt. Doch entscheidend ist: Das Abrechnungssystem gilt für alle Träger gleichermaßen. Auch öffentliche und freigemeinnützige Häuser unterliegen denselben ökonomischen Zwängen. Der Versorgungsauftrag wird damit strukturell dem Marktmechanismus untergeordnet.
Versorgung nach Abrechenbarkeit, nicht nach Bedarf
Das Gesundheitssystem funktioniert zunehmend wie ein regulierter Markt:
Wettbewerb ersetzt Planung
Fallzahlen ersetzen Bedarfsanalysen
Kennzahlen ersetzen ärztliche Einschätzung
Politisch wird dies mit „Effizienz“ legitimiert. Doch Effizienz wird zum Selbstzweck, losgelöst von der Frage, was medizinische Versorgung leisten soll. Krankenhäuser werden behandelt wie Produktionsbetriebe, in denen Durchlaufzeiten verkürzt und Kosten gesenkt werden müssen – obwohl medizinische Arbeit von Unvorhersehbarkeit, Zeit und Zuwendung lebt.
Zertifizierungen, Mindestmengen und Zentralisierung wirken dabei als ökonomische Filter. Kleine Häuser verschwinden, Standorte werden aufgegeben, Wege länger. Die Verantwortung wird technokratisch ausgelagert – an Gremien, Selbstverwaltung und „Sachzwänge“.
Wenn Rationalisierung in Rationierung übergeht
Die Folgen zeigen sich im Alltag:
Priorisierung planbarer Eingriffe
Zeitdruck in Diagnostik und Pflege
wachsende Dokumentationslast
moralischer Stress beim Personal
Medizinische Entscheidungen müssen nicht nur fachlich richtig, sondern abrechnungsfähig sein. Zeit wird zum Kostenfaktor. Zuwendung zur knappen Ressource. Das Personal weiß oft, was medizinisch geboten wäre – kann es aber organisatorisch nicht umsetzen.
Die Konsequenzen sind absehbar:
Überlastung und Abwanderung aus Gesundheitsberufen
Personalmangel als Dauerzustand
regionale Ungleichheiten in der Versorgung
Gesundheit bleibt formal ein Grundrecht, wird faktisch aber zu einer knappen Ressource, um die konkurriert wird.
Verantwortung ohne Verantwortliche
Politisch wird diese Entwicklung selten offen benannt. Stattdessen dominieren Begriffe wie Demografie, Kostendruck oder Fortschritt. Entscheidungen erscheinen alternativlos, Verantwortung diffundiert. Träger verweisen auf Gesetze, Politik auf Sachzwänge, Einrichtungen auf ökonomische Realität.
Doch die Ökonomisierung ist kein Regelbruch – sie ist Regelvollzug. Sie ist systemisch verankert und politisch gewollt. Reformen korrigieren Details, nicht die Grundlogik.
Fazit
Krankenhäuser werden heute nicht mehr primär als Orte der Fürsorge verstanden, sondern als Kostenstellen, deren Leistung messbar, vergleichbar und optimierbar sein muss. Das System funktioniert – aber unter Bedingungen, die seine eigene Grundlage untergraben.
Solange medizinische Versorgung nach Abrechenbarkeit organisiert wird, bleibt Rationierung kein politischer Beschluss, sondern eine strukturelle Folge. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie effizient Krankenhäuser arbeiten – sondern welchen Stellenwert Gesundheit in dieser Gesellschaft überhaupt noch hat.
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