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Ivermectin – unterschätzter Wirkstoff oder überschätztes Versprechen?

vor 12 Stunden
5 Min. Lesezeit

Warum ein altes Antiparasitikum in der alternativen Medizin neue Aufmerksamkeit erhält



Ivermectin ist längst mehr als ein Medikament gegen Parasiten. Seit einigen Jahren beschäftigt der Wirkstoff auch Ärzte, Forscher und Vertreter der komplementären und alternativen Medizin, die darin möglicherweise ein breiter einsetzbares Therapeutikum sehen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur Infektionen, sondern auch Entzündungsprozesse, Immunregulation, Stoffwechselvorgänge und insbesondere die Frage, ob Ivermectin bei Krebserkrankungen eine zusätzliche Rolle spielen könnte.


Die Diskussion ist dabei ungewöhnlich: Ein Wirkstoff, der seit Jahrzehnten medizinisch eingesetzt wird, wird auf mögliche völlig andere Eigenschaften untersucht. Genau dieses sogenannte Repurposing – also die Suche nach neuen Einsatzgebieten für bereits bekannte Medikamente – ist ein etabliertes Prinzip der Arzneimittelforschung. Bei Ivermectin geht die Diskussion jedoch deutlich weiter und reicht bis in die Welt der integrativen und alternativen Medizin.


Vom Antiparasitikum zum Forschungsobjekt

Ivermectin wurde ursprünglich wegen seiner starken Wirkung gegen Parasiten bekannt. Der Wirkstoff beeinflusst bestimmte Ionenkanäle, die insbesondere bei Nematoden und anderen Parasiten eine wichtige Rolle spielen. Die Entdeckung der Avermectine und ihre medizinische Nutzung waren so bedeutend, dass Satoshi Ōmura und William Campbell 2015 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet wurden.


Interessant wurde Ivermectin für die alternative Medizin vor allem deshalb, weil Untersuchungen weitere biologische Effekte beschrieben haben. In Zell- und experimentellen Modellen wurden unter anderem antivirale, antientzündliche, metabolische und antitumorale Eigenschaften beobachtet. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 fasst diese unterschiedlichen Forschungsansätze zusammen und beschreibt Ivermectin ausdrücklich als Wirkstoff, der über seine antiparasitäre Wirkung hinaus untersucht wird.


Aus Sicht der integrativen Medizin liegt darin ein wesentlicher Punkt: Ein Medikament muss nicht zwangsläufig nur eine einzige biologische Funktion besitzen. Ein Wirkstoff kann unterschiedliche Signalwege beeinflussen und dadurch möglicherweise Wirkungen entfalten, die bei seiner ursprünglichen Entwicklung gar nicht im Mittelpunkt standen.


Ivermectin und die alternative Krebsforschung

Besonders intensiv wird Ivermectin inzwischen im Zusammenhang mit Krebs diskutiert. Eine 2025 veröffentlichte Übersichtsarbeit untersuchte die mögliche antitumorale Wirkung des Wirkstoffs und beschreibt experimentelle Hinweise auf eine Beeinflussung verschiedener Signalwege, darunter Wnt/β-Catenin, PI3K/Akt/mTOR und STAT3. In unterschiedlichen präklinischen Modellen wurden unter anderem eine Hemmung der Zellvermehrung und die Auslösung des programmierten Zelltods beobachtet.


Eine weitere Übersichtsarbeit beschreibt mögliche Effekte auf Tumorzellen, darunter die Hemmung von Proliferation und Metastasierung sowie mögliche Wechselwirkungen mit Chemotherapien. Gerade diese Ergebnisse haben das Interesse an Ivermectin als möglichem Bestandteil zukünftiger onkologischer Forschung verstärkt.


Aus der Perspektive der alternativen Medizin ist das bemerkenswert. Denn dort wird häufig die Frage gestellt, ob etablierte Medikamente möglicherweise für andere Erkrankungen eingesetzt werden könnten, bevor neue und oftmals sehr teure Wirkstoffe entwickelt werden.


Die antivirale Hypothese

Noch stärker wurde Ivermectin während der Corona-Pandemie zum Gegenstand kontroverser Diskussionen. Bereits vor COVID-19 waren antivirale Eigenschaften in verschiedenen experimentellen Modellen untersucht worden. Eine 2020 veröffentlichte Übersichtsarbeit fasste zahlreiche Untersuchungen zu möglichen antiviralen Wirkungen zusammen und beschrieb Effekte gegen verschiedene RNA-Viren. Auch SARS-CoV-2 wurde in diesem Zusammenhang untersucht.


Für Vertreter einer alternativen Medizin war dies ein wichtiger Ansatzpunkt. Sie argumentierten, dass die Wirkung von Ivermectin möglicherweise nicht ausschließlich auf Parasiten beschränkt sei und dass insbesondere seine Wechselwirkungen mit zellulären Signalwegen weiter untersucht werden sollten.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine im Labor beobachtete antivirale Wirkung auch beim Menschen eine wirksame Behandlung ergibt. Genau hier liegt eine der großen offenen Fragen der Ivermectin-Forschung.


Entzündung und Immunregulation

Ein weiterer Forschungsbereich betrifft entzündliche Prozesse und das Immunsystem. Ivermectin beeinflusst verschiedene molekulare Zielstrukturen und Rezeptoren. Wissenschaftliche Arbeiten haben unter anderem Interaktionen mit unterschiedlichen Ionenkanälen und Rezeptoren beschrieben.

Aus Sicht der integrativen Medizin ist diese Mehrfachwirkung interessant, weil chronische Erkrankungen häufig nicht isoliert betrachtet werden. Entzündung, Immunantwort, Stoffwechsel und Zellkommunikation werden dort stärker als miteinander verbundene Prozesse verstanden.


Daraus entstanden Hypothesen über mögliche Einsatzgebiete weit über parasitäre Erkrankungen hinaus. Dazu gehören entzündliche Erkrankungen, bestimmte Infektionen und Stoffwechselprozesse.


Warum gerade die alternative Medizin Ivermectin interessant findet

Das Interesse an Ivermectin lässt sich auch vor dem Hintergrund einer grundsätzlichen Entwicklung verstehen. Immer mehr Patienten nutzen komplementäre oder alternative Verfahren zusätzlich zu etablierten medizinischen Behandlungen. Bei Krebserkrankungen beispielsweise ist die Nutzung solcher Verfahren weit verbreitet. Eine aktuelle internationale Analyse kommt für Patienten in klinischen Einrichtungen auf eine globale Nutzung traditioneller, komplementärer und integrativer Medizin von etwa 51 Prozent; die Daten weisen allerdings eine hohe Heterogenität auf.


Ivermectin unterscheidet sich dabei von vielen klassischen Naturheilmitteln. Es handelt sich nicht um ein pflanzliches Präparat und auch nicht um ein traditionelles Heilmittel. Der Wirkstoff stammt aus einer Stoffklasse, die ursprünglich aus mikrobiellen Naturstoffen entwickelt wurde und anschließend pharmazeutisch weiterentwickelt wurde.


Gerade deshalb ist Ivermectin ein interessantes Bindeglied zwischen verschiedenen medizinischen Welten: ein etablierter Arzneistoff, der von Teilen der alternativen Medizin aufgrund möglicher zusätzlicher Wirkungen neu interpretiert wird.


Zwischen Hoffnung und wissenschaftlicher Prüfung

Die Faszination für Ivermectin ist nachvollziehbar. Ein relativ gut bekannter Wirkstoff zeigt in unterschiedlichen experimentellen Zusammenhängen biologische Effekte. Daraus entstehen Fragen, die wissenschaftlich durchaus untersucht werden können.


Problematisch wird es dort, wo aus einer Forschungsfrage bereits eine fertige Therapieempfehlung wird.

Das gilt insbesondere für Aussagen, Ivermectin könne Krebs heilen, Impfstofffolgen beseitigen, sämtliche Virusvarianten bekämpfen oder eine große Zahl chronischer Erkrankungen behandeln. Für solche weitreichenden Aussagen reicht die derzeitige Datenlage nicht aus.


Gleichzeitig wäre es ebenso verkürzt, jede Forschung außerhalb etablierter Therapiegebiete als bedeutungslos abzutun. Gerade die Arzneimittelgeschichte zeigt, dass bekannte Wirkstoffe manchmal neue Einsatzgebiete erhalten können. Entscheidend ist deshalb nicht, ob eine Therapie aus der „Schulmedizin“ oder aus der „alternativen Medizin“ stammt. Entscheidend ist, welche Beobachtungen reproduzierbar sind und welche Wirkungen sich tatsächlich nachweisen lassen.


Ivermectin als Beispiel für eine offene medizinische Frage

Ivermectin steht damit exemplarisch für eine größere Debatte: Wie offen ist die moderne Medizin für das Wiederentdecken bereits vorhandener Wirkstoffe?


Die Antwort sollte weder in einer pauschalen Ablehnung noch in einer unkritischen Verherrlichung liegen. Interessant sind gerade die offenen Fragen: Welche molekularen Wirkungen besitzt Ivermectin tatsächlich? Welche davon sind therapeutisch relevant? Bei welchen Erkrankungen lassen sich die experimentellen Ergebnisse auf den Menschen übertragen? Und könnten bestimmte Kombinationen mit anderen Therapien sinnvoll sein?


In der Krebsforschung gibt es inzwischen genügend präklinische Hinweise, um diese Fragen weiter zu untersuchen. Gleichzeitig weisen aktuelle Reviews ausdrücklich auf die Lücke zwischen Laborergebnissen und klinischem Nachweis hin.


Fazit

Ivermectin ist weder ein gewöhnliches Naturheilmittel noch ein bewiesenes Universalmedikament. Es ist ein seit Jahrzehnten eingesetzter Wirkstoff, dessen biologische Eigenschaften inzwischen weit über die ursprüngliche antiparasitäre Anwendung hinaus untersucht werden.


Die alternative und integrative Medizin hat diese Forschung früh aufgegriffen und daraus zahlreiche Hypothesen entwickelt. Einige davon sind wissenschaftlich interessant und verdienen weitere Untersuchung – insbesondere die möglichen antitumoralen und immunmodulierenden Eigenschaften.


Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Ivermectin bereits als „Wundermittel“ bezeichnet werden kann. Interessanter ist die Frage, ob ein alter Wirkstoff möglicherweise Eigenschaften besitzt, die die Medizin bislang nicht vollständig genutzt hat. #Ivermectin #IvermectinForschung #Naturheilkunde #AlternativeMedizin #Komplementärmedizin #IntegrativeMedizin #Gesundheit #Gesundheitsforschung #Medizin #MedizinForschung #Arzneimittel #Repurposing #Antiparasitikum #Entzündungen #Immunforschung #Krebsforschung #Pharmakologie #Wissenschaft #TTVNachrichten #TTVRecherche


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