Campi Flegrei bebt: Italiens Supervulkan tritt in eine neue Phase der Unruhe
- Thomas Tratnik

- 1. Aug.
- 2 Min. Lesezeit
Westlich von Neapel ist die Erde erneut heftig in Bewegung geraten.
Am Freitagabend erschütterte ein Erdbeben der Magnitude 4,7 die Campi Flegrei. Das Beben ereignete sich in geringer Tiefe und war in der dicht besiedelten Region deutlich zu spüren. Gebäude wurden beschädigt, die Stromversorgung fiel teilweise aus und auch Bahn- und Metroverbindungen waren betroffen.
Das Ereignis verdient besondere Aufmerksamkeit. Denn Campi Flegrei ist kein gewöhnliches Erdbebengebiet, sondern eine riesige aktive vulkanische Caldera, deren Entwicklung Wissenschaftler seit Jahren intensiv beobachten.
Die Unruhe nimmt seit Jahren zu
Das aktuelle Beben steht nicht isoliert. Nach Angaben des italienischen Zivilschutzes befindet sich das Gebiet seit Jahren in einer Phase zunehmender Bodenhebung und seismischer Aktivität. Seit 2018 nahm sowohl die Zahl der Erdbeben als auch deren Stärke schrittweise zu.
2024 erreichte ein Beben Magnitude 4,4, im Juni 2025 folgte ein Ereignis der Magnitude 4,6. Nun wurden 4,7 registriert. Gleichzeitig hebt sich der Boden der Caldera seit 2005 erneut an.
Das dahinterstehende Phänomen wird als Bradysismus bezeichnet: Druckveränderungen im Untergrund lassen große Teile des Bodens steigen oder sinken. Dabei entstehen Spannungen im Gestein, die sich durch Erdbeben entladen können.
Warum dieses Beben besonders aufmerksam beobachtet wird
Campi Flegrei gehört zu den komplexesten vulkanischen Systemen Europas. Anders als beim benachbarten Vesuv existiert hier kein einzelner weithin sichtbarer Vulkankegel. Die Caldera erstreckt sich über ein großes Gebiet, auf dem heute Hunderttausende Menschen leben.
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die zunehmende Bodenhebung und Erdbebentätigkeit ernst genommen werden müssen. Eine 2026 veröffentlichte Studie beschreibt eine beschleunigte Entwicklung des Systems und mögliche zunehmende mechanische Spannungen in der Erdkruste.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ein großer Vulkanausbruch unmittelbar bevorsteht.
Erdbeben, Bodenhebung und Gasemissionen können Ausdruck einer vulkanischen Unruhephase sein, ohne zwangsläufig in einer Eruption zu enden. Genau darin liegt das Problem: Niemand kann derzeit zuverlässig sagen, wie sich das System weiterentwickeln wird.
Das eigentliche Risiko liegt über dem Vulkan
Der entscheidende Punkt wird in spektakulären Berichten über einen „Supervulkan“ häufig übersehen: Die unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung muss nicht erst mit einem großen Ausbruch beginnen.
Schon starke flache Erdbeben können in der dicht bebauten Region erhebliche Schäden verursachen. Wissenschaftliche Untersuchungen beschäftigen sich deshalb intensiv mit der Verwundbarkeit Tausender Gebäude rund um Pozzuoli und Neapel.
Damit verschiebt sich die entscheidende Frage.
Nicht nur: Wann bricht Campi Flegrei aus?
Sondern: Wie lange kann eine Millionenregion zunehmende Bodenhebung und immer wiederkehrende flache Erdbeben verkraften, bevor Infrastruktur und ältere Gebäude an ihre Grenzen geraten?
Fazit
Das Erdbeben der Magnitude 4,7 ist kein Beweis für einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch der Campi Flegrei. Es wäre unseriös, aus einem einzelnen Beben eine solche Prognose abzuleiten.
Ebenso falsch wäre es jedoch, die Entwicklung als gewöhnliche Erdbebenserie abzutun. Bodenhebung, zunehmende Seismizität und wiederholte stärkere Erdbeben zeigen, dass sich unter einer der am dichtesten besiedelten Regionen Italiens seit Jahren erhebliche geologische Veränderungen vollziehen.
Die eigentliche Warnung kommt deshalb möglicherweise nicht von einem spektakulären Ausbruch – sondern von einem vulkanischen System, das seit Jahren immer deutlicher zeigt, dass es nicht zur Ruhe kommt.

