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Analyse statt Schlagzeile

Geheime Corona-Chats: Was die Öffentlichkeit nicht wissen sollte

Neue Slack-Verläufe belasten die Autoren der einflussreichsten Studie zum Corona-Ursprung – und werfen Fragen an Anthony Fauci auf.



Anthony Fauci soll in den kommenden Tagen vor dem US-Senat unter Eid aussagen. Im Mittelpunkt steht der bislang ungeklärte Ursprung von SARS-CoV-2. Kurz vor der Anhörung hat der republikanische Senator Rand Paul bislang unbekannte Slack-Chatverläufe der Autoren der Studie „The Proximal Origin of SARS-CoV-2“ veröffentlicht. Die Enthüllungen werfen eine zentrale Frage auf: Was wussten die Verfasser der wohl am häufigsten zitierten Corona-Fachpublikation wirklich – und wie weit wich ihre private Einschätzung von der öffentlichen Darstellung ab?


Die Studie, die eine Debatte beendete

Im März 2020 erschien in Nature Medicine der Aufsatz „The Proximal Origin of SARS-CoV-2“. Die Autoren – Kristian Andersen, Robert Garry, Eddie Holmes und Andrew Rambaut – kamen zu dem Schluss, dass eine Laborherkunft „unplausibel“ sei. Die Arbeit wurde rasch zur zentralen wissenschaftlichen Referenz, um die Lab-Leak-Hypothese als Verschwörungstheorie abzutun. Medien, Politik und Plattformen stützten sich darauf. Offene Diskussionen über eine mögliche Laborherkunft wurden in vielen Ländern als unseriös oder gefährlich dargestellt.


Die neu veröffentlichten Slack-Nachrichten zeigen jedoch ein anderes Bild. Hinter verschlossenen Türen äußerten dieselben Autoren erhebliche Zweifel. Andersen schätzte die Wahrscheinlichkeit einer Laborherkunft zeitweise auf 30 Prozent. Holmes nannte zunächst 20 Prozent, später 10 Prozent. Beide Zahlen stehen im Widerspruch zur öffentlichen Behauptung, es gebe „keine Belege“ für eine Manipulation des Virus. Andersen schrieb im Juni 2020, man habe „keine harten Beweise in die eine oder andere Richtung“ und könne nicht ausschließen, dass jemand das Virus manipuliert habe. Er sprach von „smoking(ish) guns“, die ihn unruhig machten, und von abnehmender Sicherheit in der eigenen These.


Koordination mit Behörden und Geheimdiensten

Die Chats belegen zudem eine enge Abstimmung mit US-Behörden. Die Autoren diskutierten, wie sie mit dem National Institutes of Health (NIH) und der Geheimdienstgemeinschaft kommunizieren sollten. Andersen erwähnte, er erwarte einen „Handler“ – einen Ansprechpartner der Nachrichtendienste – genau in der Zeit, in der Fauci mit dem Geheimdienstapparat über die Herkunft des Virus sprach. Holmes sprach wiederholt von einer Quelle in China, die er als „my spy“ bezeichnete. Nach dem Bekanntwerden des DEFUSE-Antrags (einer 2018 eingereichten Forschungsplanung, die unter anderem die Insertion von Furin-Spaltstellen in Fledermaus-Coronaviren vorsah) rieten die Wissenschaftler einander, E-Mails zu meiden und die Kommunikation „sorgfältig für FOIA-Anfragen zu kuratieren“.

Diese Absprachen werfen Fragen nach der Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Bewertung auf. Die Autoren der einflussreichsten Studie standen in direktem Kontakt mit jenen Institutionen, die sowohl die Forschung finanziert als auch die öffentliche Narrative mitgeprägt hatten.


Die Rolle von Anthony Fauci

Fauci, damals Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), spielte eine zentrale Rolle bei der Förderung der Proximal-Origin-Arbeit und bei der öffentlichen Kommunikation. Die neuen Dokumente fügen sich in eine Reihe früherer Veröffentlichungen ein, die seine Kontakte zur Geheimdienstgemeinschaft und seine Beteiligung an der Steuerung der Herkunftsdebatte beleuchten. Fauci hat wiederholt bestritten, die Lab-Leak-Hypothese unterdrückt oder Kongressaussagen falsch gemacht zu haben. Die anstehende Aussage unter Eid wird zeigen, wie er die Widersprüche zwischen privaten Zweifeln der Autoren und der öffentlichen Darstellung erklärt.


Christian Drosten, der in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland oft mit der Proximal-Origin-Diskussion in Verbindung gebracht wird, war kein Co-Autor der Studie. Seine frühe Positionierung gegen eine Laborherkunft und seine Rolle in der deutschen Corona-Kommunikation bleiben jedoch Teil des größeren Bildes: Wie wurden wissenschaftliche Unsicherheiten in klare öffentliche Botschaften übersetzt – und welche Konsequenzen hatte das für die Debattenkultur?


Was auf dem Spiel steht

Die Slack-Chats beweisen nicht endgültig, dass SARS-CoV-2 aus einem Labor stammt. Sie belegen jedoch, dass führende Wissenschaftler, deren Arbeit die öffentliche Debatte entscheidend beeinflusste, privat deutlich größere Unsicherheit einräumten, als sie öffentlich zugaben. Gleichzeitig koordinierten sie sich mit Behörden und Geheimdiensten und bemühten sich, ihre Kommunikation vor späteren Akteneinsichten zu schützen.


Das ist kein Randdetail. Die Herkunft von SARS-CoV-2 betrifft nicht nur wissenschaftliche Neugier, sondern Fragen nach der Verantwortung für riskante Forschung, der Transparenz staatlich finanzierter Wissenschaft und dem Umgang mit abweichenden Meinungen in einer Krise. Wenn Autoren einer Schlüsselstudie privat 10 bis 30 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine Laborherkunft einräumen, während sie öffentlich „unplausibel“ sagen, und zugleich mit den Geldgebern und den Geheimdiensten abstimmen, dann ist das ein Problem für das Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen.


Die anstehende Anhörung von Anthony Fauci und die weiteren Dokumentenveröffentlichungen von Senator Paul werden zeigen, ob diese Widersprüche aufgeklärt oder weiter relativiert werden. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, die privaten Einschätzungen jener zu kennen, die 2020 den wissenschaftlichen Konsens definierten – und die Konsequenzen daraus zu ziehen.


 
 

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